Das andere Ich

Das andere Ich



Oft sehe ich mich im Spiegel an
Und denke, warum bin ich kein anderer Mann?
Warum bin ich der, der ich geworden bin
Und halte auch die andere Wange hin?

Dann wünsche ich mir, ich könnte böse sein,
Ein harter Macho, ein richt'ges Schwein.
Endlich allen die Meinung sagen
Und sie nicht nach ihrer fragen.

Ich machte einigen Politikern ihr Kreuz auf die Stirn,
Untersuchte die gleichen auch auf Hirn.
Würde da wahrscheinlich eh nichts finden,
Sie dafür an den Pranger binden.

Der Nachbar bekäme ein Ständchen nachts um vier,
Immerhin macht er das dauernd auch bei mir.
Dann überfahre ich noch seinen Hund,
In meinen Garten zu kacken ist halt nicht gesund.

Der Typ, der mich nie grüßen kann,
Wäre dann als nächstes dran.
Ich verfolgte ihn den ganzen Tag,
wobei ich nicht einmal „Hallo“ sag.

Dann ginge ich zu dem Kerl, der seine Kinder schlägt,
Blitzschnell die Arme abgesägt
Und ihn damit durchgelassen.
Solche Typen kann ich hassen.

Der Wirt von meiner Kneipe sähe mich kommen,
Hätt' die Beine in die Hand genommen,
Weil er bei den Deckeln immer bescheißt,
Von meinem Geld 'ne Party schmeißt.

Ich finge ihn mir trotzdem ein
Und schüttete ihm seinen Fusel rein.
Nach drei Gläsern wäre er blind,
Wie es viele seiner Gäste sind.

Dem Fleischer hackte ich beide Daumen ab,
Weil ich die ja schon oft mitbezahlt hab.
Vielleicht fragte er auch diesmal: „Darf's noch etwas mehr sein?“.
Und ich würde sagen. „Danke ich stehe nicht so auf Schwein.“.

Jeden, der mich schlecht behandelt hat,
Hätte ich ganz einfach satt.
Ich würde keine Zeit verlieren,
Meine Rache kalt servieren.

Und wie ich mich so im Bösen sonne,
Richtig wüte voller Wonne,
Kommt mir ernüchternd in den Sinn,
Dass ich Gott sei Dank ja so nicht bin!

Ich lege Wert darauf, dass der letzte Satz als Realität betrachtet wird. Alle Personen in diesem Gedicht sind rein fiktiv! Niemand soll sich hierdurch bedroht sehen. Dieser Text ist reine Satire.

© Thorsten Trautmann

Rheine, 05.05.2010

© Thorsten Trautmann 2012